© Dipl. Ing Christoph Scho-Seiler 2011
Praxis für Physiotherapie & Gesundheit
Die osteopathische Medizin wurde während des neunzehnten Jahrhunderts von dem
amerikanischen Arzt Anthony Taylor Still (1828-1917) begründet. In seiner
schulmedizinischen
Praxis beobachtete Still, dass die Medikamente und Behandlungspraktiken seiner Zeit
bei vielen
Krankheiten wirkungslos blieben. Nachdem drei seiner Töchter während einer
Meningitisepidemie starben, suchte er nach neuen Wegen für die Medizin.
Er untersuchte über Jahre die Körper verstorbener - kranker und gesunder - Menschen
und formulierte 1874 die Grundlagen der oesteopathischen Medizin. Osteopathie setzt
sich aus zwei Worten zusammen”, sagte er in seiner Autobiographie. Osteo bedeutet
Knochen und Pathos bedeutet Krankheit oder Leiden. Aufgrund meiner Forschungen
kam ich zum Schluss, dass in den Knochen (in deren Bewegungseinschränkung, Anm.
d. Autors) die Entwicklung zum Kranksein beginnt. So setzte ich die Worte Osteo und
Pathie zu Osteopathie zusammen."
1892 gründete Dr. Anthony Still in Kirksville, Missouri die erste Schule für
osteopathische Medizin.
Neben den traditionellen, schulmedizinischen Fächern lernten die Studenten vor allem
eine genaue Untersuchung des Muskel- und Skelettsystems und dessen Mobilisierung
mit subtilen
Techniken.
Heute sind in den USA die osteopathischen Ärzte/innen (Doctor of Osteopathy) mit
ihrer
schulmedizinischen und osteopathischen Ausbildung den medizinischen Ärzten
(Medical Doctor)
gleichgestellt. In England und Australien sind Osteopathen keine Mediziner, aber
anerkannte
Körpertherapeuten mit einer vier Jahre dauernden Ausbildung in Untersuchungs- und
Mobilisierungstechniken nach Dr. Still. Im deutschen Sprachraum werden Techniken
aus derOsteopathie an Ärzte und Physiotherapeuten in berufsbegleitenden
Weiterbildungen vermittelt.
Adah Strand Sutherland (1899-1951) hat der Biographie über ihren Mann den Titel
"With Thinking Fingers" gegeben. Möglicherweise bezieht sie sich dabei auf einen
Aufsatz Sutherlands, den er bereits 1914 geschrieben hatte und der immer und immer
wieder zitiert wurde, dies auch in der
Zeitschrift "Der osteopathische Arzt". Los, berühre!
In den Achtzigern verfeinerte John E. Upledger die Techniken der Ceranio- Sacral -
Therapie und weitete diese aus mit seinen " Ten steps ".
Ein Schüler von Dr. A.T. Still, Dr. J.M. Littlejohn, brachte die Lehre der Osteopathie
nach England und gründete die erste Schule für Osteopathie in Europa:
"The British School of Osteopathy".
Das Verbot "Nicht berühren!" gilt nicht für den Osteopathen. Denn Gott gab ihm die
Werkzeuge, die Hände, mit denen er fühlen kann. Lass ihn also berühren! Und verbiete
ihm das berühren nicht! Aber lehre ihn zuerst die Kunst des Berührens! Die berufliche
Aufgabe des Osteopathen ist zur Hauptsache eine Aufgabe der Finger: Das Lokalisieren
der etiologischen Faktoren in und hinter den Körpergeweben ist so subtil, wie das
Auffinden der sprichwörtlichen "Nadel im Heuhaufen" und verlangt sozusagen Hände
mit Hirnzellen in den Fingerspitzen. Es verlangt Finger, die fähig sind zu fühlen, zu
denken und zu sehen. Deshalb lehre den Osteopathen zuerst, mit seinen Fingern
fühlen, denken und sehen! Und dann erst erlaube ihm die Berührung! Seine Finger
sollen lernen, die Empfindungszeichen, welche in allen Geweben entlang des
Rückenmarks aufgespürt werden können, zu entziffern: Die diagnostische Botschaft
kann nur auf dem Weg des "Fingerfühlens", des "Fingerdenkens" und des
"Fingersehens" gelesen werden. Die Finger des Osteopathen sollten wie Detektive sein,
nämlich gewandt in der Kunst, Verstecktes
aufzuspüren. Der Zufallstreffer ist nicht die richtige osteopathische Anwendung des
taktilen Sinns.
Die Finger des Osteopathen sollten hin und wieder Pause machen und tief eindringen
in die wichtigen, tiefer liegenden Dinge. Der Aufenthalt von einigen Tagen in einer
Stadt erlaubt das Kennenlernen der Bewohner besser als eine schnelle Durchreise. So
verhält es sich auch mit dem Tastsinn. Die Finger sollten an Gelenken, an Bändern und
Muskeln, hier und dort sanft innehalten, etwas warten, in die Tiefe gehen und dadurch
mit den "Bewohnern" der "Stadt" Bekanntschaft machen. Die "Bewohner" des Rückens
wollen den Fingern nämlich viele wichtige Dinge erzählen. Die Finger sollen aber nicht
nur während der Diagnose fühlen, sondern auch in
der Behandlung. Es ist deshalb nötig, dass die Finger während der ganzen Behandlung
immer
bereit und aufmerksam sind und ihrem Gefühl, ihren Gedanken und ihrer Sichtweise
folgen.
Wie funktioniert das eigentlich?
Unser Körper stimmt alle lebensnotwendigen Funktionen in ständiger Bewegung
aufeinander ab.
Ein Großteil dieser Mobilität ist uns selten bewußt. Hierzu zählen der pulsierende
Blutstrom, die rhythmische Atembewegung, die unwillkürliche Arbeit unserer
Verdauungsorgane, die Strömung der Körperflüssigkeiten und schließlich die
Bewegungen der Muskulatur, Sehnen, Gelenke und Bindegewebe.
Werden die Bewegungen einzelner Körperstrukturen eingeschränkt, beeinflußt das
deren Funktion. Ist die Funktion einer Struktur gestört, zeigt sie sich in einer
veränderten Beweglichkeit.
Nicht immer signalisiert uns der Körper eine Funktionsstörung durch Schmerzen oder
andere
Beschwerden. Unser Organismus ist sehr anpassungsfähig und kann manche "Störung",
wie Fehlhaltungen, streßbedingte Verspannungen oder sogar Verletzungen lange Zeit
ausgleichen. Dabei wird die eingeschränkte Funktion von anderen Körperstrukturen
übernommen.
So "verlagern" sich Funktionsstörungen und wirken sich auf andere Bereiche des
Körpers aus.
Ist aber die Ausgleichsfähigkeit des Körpers ausgereizt, dann genügt schon ein kleiner
physischer oder psychischer Einfluß, um unverhältnismäßig starke Reaktionen
hervorzurufen. Ähnlich wie sonst in der Natur, wo auch ein kleiner Tropfen ein "Fass"
zum Überlaufen bringt, zeigt auch unser
Körper solche Reaktionen.
Diese können dann an einer ganz anderen Stelle des Körpers auftreten. So kann
beispielsweise ein Luftzug oder eine ungeschickte Bewegung einen Hexenschuß
provozieren. Oft liegt also die "Lösung" für Beschwerden nicht dort, wo wir Schmerzen
empfinden.
Ein anderes Beispiel mag hier helfen zu veranschaulichen, warum der Schmerz oder der
momentan betroffene Ort nicht der ursächliche "Herd" sein muß: Bei einem
mechanischen System, bei dem auf einem Schaltpult ein Alarmknopf leuchtet, ist auch
dieser selbst nicht kaputt oder der Störenfried, sondern die Ursache liegt woanders.
Der Alarm zeigt uns nur, daß etwas nicht stimmt.
Spätestens hier setzt die Aufgabe des Osteopathen an.
Indem er mit seinen Händen die Bewegungseinschränkungen löst, hilft er dem Körper,
Funktionsstörungen zu beheben. Der Osteopath leistet damit Hilfe zur Selbstheilung,
denn durch
die wiederhergestellte Bewegung befreit und unterstützt er unsere Selbstheilungskräfte,
die so der gestörten Struktur zu ihrer normalen Funktion zurückverhelfen.
Durch seine genauen Kenntnisse der Anatomie und Physiologie dringt der
osteopathisch behandelnde Therapeut dabei von den Symptomen zu den Ursachen der
Beschwerden vor und ordnet jede Störung und deren Behandlung in die
Bewegungszusammenhänge des gesamten Organismus ein.
Er handelt also wie ein Dedektiv, der genau nach den Indizien sucht und jeder noch so
kleinen Spur nachgeht, denn nicht der erst beste Verdächtige, ist der Täter.
Mit feinem Gespür und offenen Sinnen muß der Therapeut handeln und stets den
ganzen Menschen in seine Betrachtung mit einbeziehen.
Die osteopathische Technik ist bestimmt durch die intelligente Anwendung eines
sensiblen, gut entwickelten Tastsinns. Sie kann nicht durch Beobachtung mit den
Augen erlernt werden, denn die Augen haben nur mittelbar mit dem Tastsinn zu tun.
Zu den wichtigsten Prinzipien der klassischen Osteopathie gehören folgende:
Der Osteopath soll immer den ganzen Menschen und nicht nur die Krankheit sehen.
Jeder Organismus hat in sich selbstregulierende Mechanismen. Die Aufgabe des
Therapeuten liegt darin, diese Kräfte freizusetzen, damit der Körper sich in der
Rekonvaleszenz wieder selber regulieren mag.
In der therapeutischen Arbeit sucht der Osteopath die selbstregulierenden
Mechanismen, indem er diejenigen Bewegungen, die dem Körper noch möglich sind,
unterstützt bzw. verstärkt und nicht, indem er gegen Blockaden oder Widerstände
agiert.
Knochen, Bänder, Muskeln und Faszien geben dem Organismus für sein Funktionieren
eine optimale Struktur.
Eine Unbeweglichkeit innerhalb dieser Strukturen vermindert die Durchblutung und
ein gute Nervensersorgung, somit ist die harmonische Funktion der Organe gestört.
Nicht allgemeingültige Techniken, sondern detailliertes, anatomisches Wissen und in
subtilster Wahrnehmung geschulte Hände sagen, was zu tun ist.
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